Nemains erste Leiche
Die kühle Luft war seltsam befreiend nach dem Qualm in der Schenke, aus der hinter ihr noch Stimmengewirr an ihre Ohren drang.
Trotzdem war Nemain stinksauer.
"Geh draußen nachsehen", hallte der verhasste Befehlston von Giada noch zwischen ihren Ohren hin und her. Sie hatte die ältere Schwertschwester einmal vergöttert. Aber jetzt, nach Jahren des Trainings, fühlte sie sich ihr ebenbürtig und mochte keine Befehle mehr annehmen.
Sie ließ die grobe Holztür los, durch die sie getreten war. Als die Tür mit einem Krachen zuschlug, zuckte Nemain zusammen.
Ebenbürtig?, dachte sie. Giada ist immerhin doppelt so alt wie ich. Dreißig.
Sie schnaubte. Das war wahrscheinlich der hochgerühmte jugendliche Leichtsinn.
Nemain seufzte also und sah sich pflichtschuldig in dem engen Hinterhof um, der nach Urin stank und so keinen Zweifel zuließ, wofür er hauptsächlich gebraucht wurde. Es war dunkel. Die Sterne erhellten den Hof kaum.
Von dem pockennarbigen Blonden, den sie suchten, weil er eine Schwertschwester ermordet hatte, keine Spur.
Doch. Da lag jemand in der dunklen Ecke an der Rückwand des Nachbarhauses.
Nemain kniff die Augen zusammen und überbrückte die Entfernung mit wenigen Schritten. Wachsam betrachtete sie den dunklen Umhang, unter dem sich alles mögliche verbergen konnte. Der Mann lag auf dem Bauch und rührte sich nicht.
Nach einigen Herzschlägen kniete Nemain sich hin und wollte den Puls des Mannes fühlen.
Aber ihre Hand zuckte zurück.
Das glänzende Nass des Bodens um den Kopf des Mannes roch nach Blut. War Blut.
Nemain kniff die Lippen zusammen, griff an die Schulter des Körpers vor ihr und drehte ihn auf den Rücken. Die Kehle war durchgeschnitten. Wie bei der Schwertschwester, hatte Nemain gehört. Gesehen hatte sie sie nicht. Dafür hatte sie jetzt ein allzu deutliches Bild, trotz der Dunkelheit. Es floss immer noch Blut, aber gleichmäßig, ohne Herzschlag. Trotzdem suchte Nemain ein Handgelenk.
Der Arm lag vor dem Bauch der Leiche, die Hand---
"Dwiannon!", entfuhr ihr und wieder zuckten Nemains Finger erschreckt zurück.
Gepinkelt hatte er nicht.
Nemain schloss die Augen.
Sie sah kurz zu den Sternen. Kaltes Weiß. Sie sah zu der Tür zur Schenke. Warmes Orange.
Sie sollte Giada rufen. Giada musste ihn sehen. Aber Nemain brachte sich nicht dazu, aufzustehen. Sie hatte den Mann auf den Rücken gedreht, jetzt lag er da, mit der Hand für ganz Darncaer sichtbar an seinem Schwanz.
"Verfluchter Mist!", murmelte Nemain.
So konnte sie ihn nicht liegen lassen. Das ging doch nicht.
Also befeuchtete sie mit ihrer Zunge die trockenen Lippen, nahm einen tiefen Atemzug und griff dann mit spitzen Fingern nach seiner Hand. Sie bog den Zeigefinger auf. Gut, noch ließ er sich bewegen. Er war sogar noch warm. Aber das Blut hatte ihr ja schon gesagt, dass es erst Minuten her war, dass er gestorben war.
Sie bog auch noch den Mittelfinger auf.
Den Ringfinger.
"Nemain!"
Sie fuhr zusammen, presste die erschreckten Hände zur Faust, so dass die Fingernägel sich schmerzhaft in ihre Handflächen bohrten, und drehte sich blitzartig um.
"Nemain, er war da. Taliesin hat ihn ge--- Ha!"
Giada kam aus dem Schankraum und war in einem Bruchteil einer Sekunde bei ihr. Noch bevor Nemain sich aufgerichtet hatte, überblickte Giada die Szene.
"HA HA HA! Hahahaa!"
Wiehernd lachte Giada, während Nemain die Schamesröte im Gesicht brannte.
Sie hätte sich gerne die Hände vor die Augen gehalten. Wäre am liebsten in ihre Handflächen gekrochen. Aber davor ekelte sie sich zu sehr. Sie wollte sie waschen. Nichts lieber als ihre Hände waschen und dann die Tränen trocknen.
Zitternd stand sie mit hängendem Kopf und hängenden Armen vor Giada, als der Innenhof sich langsam zu füllen begann.
"Hahaha!", lachte Giada immer noch.
Irgendwann japste sie nur noch und klopfte Nemain auf die Schulter.
"Du bist echt ein Glückskind, Nemain", sagte Giada mit leuchtenden Augen. "Ich könnte neidisch werden, wenn ich dich nicht so gerne hätte."
Verwirrt sah Nemain Giada an. Es war keine Ironie in ihren Worten gewesen. Meint sie das etwa ernst?
Giada grinste in Nemains verständnisloses Gesicht.
"Jemand wie ich muss die ganze Welt bereisen, auf der Suche nach Geschichten, die es Wert sind erzählt zu werden", meinte Giada. "Und dir passieren sie direkt in Darncaer! Diese Geschichte wirst du noch den Kindern deiner Kinder erzählen, du Glückliche."
Dann endlich kniete sich Giada nach unten und untersuchte die Leiche.
Den Kindern, vor allem.
Nemains Tränen trockneten auf ihrer Wange, als sie den Blick auf Giadas rot gelockten Hinterkopf richtete.
Eine gute Geschichte?, dachte sie nachdenklich. Hm. Das einzige Problem wird sein, dass sie mir nie jemand glauben wird.
Tja, vielleicht bist du doch nicht "zu alt für diesen Scheiss"... Danke fürs outen.
Y_sea
nette Geschichte, und gut geschrieben. Ich fand sie auch ganz lustig, und einige Reaktionen hier verblüffend.
Gruß nandrin
erst mal danke für die Geschichte!
Gut, auch ich war erst mal etwas irritiert - aber auch direkt fasziniert. Und ich möchte auf jeden Fall mehr von dir lesen.
Also: Mach weiter so!
Liebe Grüße
Saidon
also ich finde die Geschichte an sich sehr interessant und auch lustig. Klar scheint sie in einen größeren Zusammenhang zu gehören, aber um einfach mal fünf Minuten was Kurzes, Nettes zu lesen zu haben ist es doch OK.
Ich bin da eigentlich nicht so wählerisch...
Weiter so, vom Stil her super, außerdem konnte ich mich gut in die Figur hineinversetzen, was der eigentliche Sinn einer Erzählung sein sollte (ACHTUNG: meine Meinung
LG Anjanka
Ich fands lustig.
- Der Tote wurde von irgendwem getötet, als er grad Vier gegen Willi gespielt hat.
- Der Tote ist der erste Tote, den Nemain sieht.
- Giada hat schon viele Leichen gesehen, und deswegen (jetzt machts ein wenig *pling*) ist sie unsensibel genug, über die eigenartigen Todesumstände zu lachen, statt auf den mitgenommenen seelischen Zustand von Nemain Rücksicht zu nehmen.
So. Mehr fällt mir net ein. Nur dass es halt offensichtlich ein Ausschnitt aus einem Abenteuer (ob nun tatsächlich schon gespielt oder nicht is eigentlich egal) ist, wodurch die Verwirrung von Blaues_Feuer bzgl. der Schwertschwester eigentlich irrelevant geworden ist. Es spielt keine Rolle, warum sie gestorben ist, nur dass.
Daher meine Bewertung: Das kannst du besser.
Auf jeden Fall schon mal herzlichen Dank für eure Kommentare und die Kritik!
Was ich raushöre ist, dass ihr noch mehr Infos braucht, die Geschichte einzuordnen, also erzähle ich kurz, wie sie entstanden ist. Nemain, zehn Jahre älter, sieht sich einer jungen Stadtwache gegenüber, von dem sie Informationen haben will, der aber gerade völlig aufgelöst ist, weil (na?) er gerade sein erstes Mordopfer gesehen hat. Ich, Nemains Spielerin, sage: "Ich erzähl ihm eine lustige Geschichte, wie Nemain ihre erste Leiche gesehen hat." Aber natürlich hatte ich die Geschichte nicht parat. Die ist erst drei Tage später zu mir gekommen und dann habe ich sie aufgeschrieben, damit ich sie gegebenenfalls mal aus der Tasche ziehen kann. Aber solche Momente kommen wohl nicht wieder...
So, daher habe ich keine Ahnung, warum die Schwertschwester ermordet wurde, keine Ahnung wer der Tote ist, nur eine Spur von Idee, warum er umgebracht wurde. Aber ich kann's mir natürlich ausdenken. Für den eigentlichen Punkt der Kurzgeschichte, dachte ich, sei das nicht wichtig, denn der Punkt sollte sein, dass Nemain erfährt, dass es manchmal gut ist, eine Erfahrung zu machen, um der Erfahrung willen, auch wenn es im Moment, wo man sie macht, unangenehm ist.
Cheers,
Y_sea
Ich fands lustig.
- Der Tote wurde von irgendwem getötet, als er grad Vier gegen Willi gespielt hat.
- Der Tote ist der erste Tote, den Nemain sieht.
- Giada hat schon viele Leichen gesehen, und deswegen (jetzt machts ein wenig *pling*) ist sie unsensibel genug, über die eigenartigen Todesumstände zu lachen, statt auf den mitgenommenen seelischen Zustand von Nemain Rücksicht zu nehmen.
So. Mehr fällt mir net ein. Nur dass es halt offensichtlich ein Ausschnitt aus einem Abenteuer (ob nun tatsächlich schon gespielt oder nicht is eigentlich egal) ist, wodurch die Verwirrung von Blaues_Feuer bzgl. der Schwertschwester eigentlich irrelevant geworden ist. Es spielt keine Rolle, warum sie gestorben ist, nur dass.
Ach, und die explizite Nennung des Wortes "Schwanz" außerhalb einer direkten oder wenigstens indirekten Rede finde ich persönlich einen etwas krassen Stilbruch.
Daher meine Bewertung: Das kannst du besser.
(Zu deiner Verteidigung gegen "wo ist die Geschichte?" möchte ich doch einmal eine recht bekannte und anerkannte Kurzgeschichte sinngemäß vollständig wiedergeben: When the dinosaur woke up in the morning, he realized that he was still alive.)
Weiß gar nicht, was ihr habt... Ich fands gut!
Warum ist das für den Toten so besonders peinlich? Warum geht er dazu in einen dunklen, dreckigen, kalten Hinterhof? Inwieweit wird die Ermittlerin damit von ihrer Schwertschwester aufgezogen? Und wie passt die andere tote Schwertschwester in die Geschichte?
Ich fänd's toll, wenn es noch weiter gehen würde.
Grüße
Blaues Feuer
Ich fands lustig.