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Snjeschkas Welt
Von Adjana am 07.01.2010 - 21:31

Eine kleine Spielerei über meine Sc Snjeschka.

Mit Dank an die Arbeitsgruppe Federkiel und Tintenfass! :wave:

 

Geschichte: 


Snjeschkas Welt

Dottore Aquila begrüßte die junge Frau an der Tür. Sie war offensichtlich ausländisch, in bäurische Kleidung gewandet und ein wenig ungepflegt. "Snjeschka ist mein Name. Habt Ihr Zeit für mich?" Der bekannte lidralische Arzt führte sie in den Raum, in dem er mit seinen Klienten zu sprechen pflegte. Er war spezialisiert auf seelische Leiden. In einer Ecke stand ein poliertes Schreibpult, dahinter ein Stuhl, auf dem er sich niederließ. Der Frau wies er einen Platz auf dem kostbaren scharidischen Diwan zu, der vor dem Pult stand.
"Legt Euch ruhig ganz bequem hin. Das wird Euch helfen, Euch zu entspannen."
Die junge Frau ließ sich zögernd nieder. Man sah deutlich, dass sie sich auf dem vornehmen Samtstoff nicht besonders wohl fühlte.
"Nun erzählt mir, warum Ihr hierhergekommen seid," eröffnete der Dottore das Gespräch.
"Meine Freunde haben mich hierher geschickt."
"Es ist schön, dass Ihr Freunde habt, die sich um Euch Gedanken machen! Warum denken Eure Freunde, ich könnte Euch helfen?"
"Naja. Sie sagen das zum Beispiel immer, wenn ich mit Bäumen rede."
Dottore Aquila lehnte sich zurück und hob wissend eine Augenbraue.
"Ihr sprecht also mit Bäumen."
"Ja, sicher. Manchmal auch mit Büschen. Natürlich nicht mit allen. Nur mit denen, in denen ein Baumgeist wohnt."
"Ich verstehe. Darf ich fragen, woran Ihr erkennt, ob in einem Baum ein Geist wohnt?"
"Das sieht man doch auf den ersten Blick," antwortete Snjeschka, offenbar erstaunt, dass jemand so etwas Natürliches nicht erkennen konnte.
"Ich verstehe", wiederholte der Dottore beruhigend. "Und aus welchem Grund sprecht Ihr mit Bäumen?"
"Das ist ganz unterschiedlich", berichtete Snjeschka lebhaft. "Manchmal frage ich nur nach dem Weg. Oder wie es ihnen geht, den Bäumen. Oder wir reden über das Wetter - was man eben so sagt."
"Antworten Euch die Bäume denn auch?"
"Die Bäume selbst nicht so oft - aber die Baumgeister schon. Meistens jedenfalls."
"Ergibt es einen Sinn, was sie Euch sagen?"
Snjeschka zögerte. "Was meint Ihr damit?"
"Nun ja. Klingt es in Euren Ohren klug, was Euch diese Stimmen sagen?"
Snjeschka lachte. "Das kommt darauf an. Es gibt solche und solche Geister. Aber wer sagt schon immer nur kluge Sachen?"
"Dann möchte ich anders fragen," hakte Dottore Aquila nach. "Geben Euch diese ... Stimmen gute Ratschläge? Müsst Ihr das befolgen, was sie Euch sagen?"
"Natürlich nicht!" erwiderte Snjeschka empört. "Das sollte so ein Geist wagen, mir Befehle zu geben! Aber wenn er mir den Weg zeigt oder mich zum Beispiel vor etwas warnt, dann glaube ich ihm - wenn er vernünftig klingt. Die meisten Baumgeister sind recht nett, müsst Ihr wissen."
"Das ist sehr interessant. Nun denn," fuhr der Dottore fort, "welche anderen Vorkommnisse gab es, bei denen sich Eure Freunde Sorgen gemacht haben?"
"Ich rede auch mit toten Menschen."
"Soso!" Dottore Aquila lehnte sich vor und sah erstmals interessiert aus. "Mit was für Toten?"
"Mit allen, die da sind. Das sind nicht besonders viele. Die meisten gehen rasch in die Geisterwelt ein - also in ihre jeweilige Totenwelt. Jedenfalls glaube ich das," meinte sie zögernd.
"Nun sagt mir: Was fühlt Ihr, wenn Ihr vermeint, mit den Toten zu sprechen? Trauer? Angst? Vielleicht gar Wut?"
Snjeschka bewegte sich unsicher auf dem Diwan hin und her. "Hm. Meistens bin ich verlegen."
"Verlegen?" fragte Aquila irritiert.
"Ja. Die Toten fragen mich oft, was sie denn jetzt tun sollen, da sie doch tot sind. Aber das weiß ich auch nicht. Ich lebe ja noch! Ich sage dann so etwas wie 'Geh in das Licht' - aber ich habe eigentlich keine Ahnung, ob da ein Licht ist. Meistens gehen sie dann aber bald in die Totenwelt ein und sind weg, den Geistern sei Dank!"
"Äh, ja. Hochinteressant. Warum wünscht Ihr euch denn, mit den Toten zu sprechen? Gibt es einen bestimmten Toten, dem ihr gern noch etwas sagen würdet?"
Snjeschka überlegte. "Nein, eigentlich nicht."

Für einige Zeit herrschte Stille im Raum. Durch die geschlossenen Fenster hörte man gedämpft die Straßengeräusche. Dottore Aquila blickte etwas ungeduldig auf seine Notizen hinab. Dann setze er neu an.

"Ihr sprecht also mit Geistern und mit Toten. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Eure Freunde verwirrt. Aber gibt es denn noch mehr Gründe, warum sie Euch hierher geschickt haben?"
Snjeschka senkte betreten die Augen. Dann schluckte sie und setzte zu einer weiteren Beichte an.
"Meine Freunde sagen, ich rauche zuviel."
"Aha!" Der Dottore rieb sich die Hände, als wäre er endlich zum Kern der Sache gekommen. "Ihr nehmt also bewusstseinserweiternde Substanzen?"
"Wie bitte?"
"Ich meine: Ihr raucht berauschende Kräuter?"
"Ja, genau! Das ist auch sehr wichtig. Wie sollte ich sonst in die Zukunft sehen?"
"Ihr denkt also, Ihr könnt die Zukunft sehen, wenn Ihr raucht?" fragte Aqulia etwas mitleidig.
"Sicher."
"Habt Ihr das Gefühl, dass Ihr ohne diese Kräuter nicht zurecht kommt?"
"Nein," meinte Snjeschka verständnislos, "ohne die Kräuter weiß ich ja nicht, was passieren wird."
"Habt Ihr Angst vor der Zukunft?"
"Nein, nicht besonders. Naja, manchmal schon. Ihr nicht?"
"Hier geht es nicht um mich. In welchen Situationen greift Ihr zu der Droge?"
"Zum Rauschkraut? Wann immer ich wissen will, was mir die Zukunft bringt. Oder wenn ich die Geister um Hilfe fragen möchte."
"Meint Ihr jetzt die Baumgeister oder die Totengeister?"
"Die Totemgeister natürlich." Snjeschka klang ungeduldig. "Sie sprechen zu mir, wenn ich in Trance bin."
"Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen meinen, Stimmen zu hören, wenn sie regelmäßig zu Drogen greifen," dozierte Dottore Aquila. "In diesem Fall geht es darum, Euch die Gewissheit zu vermitteln, dass Ihr auch ohne Drogen auskommen könnt. Irgendwann werdet Ihr verstehen, dass die Drogen Euch nicht bei Euren Problemen helfen, sondern dass sie Euer Problem selbst sind."
Snjeschka hörte stumm zu.
"Auf kurze Sicht vermitteln Euch Eure ... Rauschkräuter, wie Ihr es nennt, ein Gefühl der Sicherheit, nicht wahr? Und mit diesen Stimmen, die Ihr hört, habt Ihr das Gefühl, weniger allein zu sein? Sie machen Euch Angst, aber gleichzeitig hofft Ihr jedes Mal, sie würden Euch Trost spenden, wenn Ihr selbst nicht mit dem Leben fertig werdet - ist es nicht so?"
Snjeschka schwieg noch eine Weile. Dottore Aquila wartete pochte ungeduldig mit dem Federkiel gegen das Tintenfass, aber er wusste, dass die Erkenntnis vom Klienten selbst kommen musste.

Snjeschka setzte sich auf dem Diwan auf.
"Habt Ihr denn noch nie einen Geist gesehen?" fragte sie fest.
Aquila atmete tief durch. Offenbar musste er sich zu einer ruhigen Stimme zwingen.
"Wie jeder vernünftige, aufgeklärte Lidralier weiß ich, dass es keine Geister gibt. Und im Grunde Eures Herzens wisst Ihr das auch."
Snjeschka sah ihm fest in die Augen. "Ihr habt Angst vor Geistern."
Aqulia lachte gezwungen.
"Angst? Aber nein. Das wäre eine völlig irrationale Angst. Schließlich gibt es keine Geister. Freilich, als ich noch ein Kind war ..." Er lachte noch einmal kurz.
"Was war, als Ihr noch ein Kind ward?" fragte Snjeschka behutsam.
"Ach, das ist lang vergessen. Kinder fürchten sich ja oft vor unwirklichen Sachen, nicht wahr?"
"Unwirkliche Sachen?"
"Ja. Als ich klein war, hieß es, es gäbe in unserem Schulhaus einen Geist. Völlig lachhaft natürlich! Aber an einem Tag schickte mich der Lehrer zur Strafe in einen leeren Raum. Prompt gaukelten mir meine Augen alle möglichen Dinge vor. Raunende Stimmen, klappernde Fensterläden, ein Stuhl, der umkippte. Lauter Ereignisse, für die es vollkommen natürliche Erklärungen gibt, wie ich heute weiß. Doch dann bildete ich mir ein, eine kalte Hand fasste mir an meine Schulter. Ich rannte weg, so schnell ich konnte, und weiß kaum mehr, was geschah. Stunden später fanden mich die Lehrer völlig verängstigt in einer Ecke des Dachbodens ... Da seht ihr, was der Glaube an Geister bei einem unwissenden Menschenkind ausrichten kann!"
Kleine Schweißperlen waren auf Aquilas Stirn getreten, und die Feder hatte einige Tintenkleckse auf dem Tisch hinterlassen, weil seine Hand leicht zitterte.
"Die Berührung mancher Geister kann diesen tiefen Schrecken auslösen," meinte Snjeschka sanft.
"Es gibt keine Geister!" brüllte Aquila. "Ein für alle Mal: Es gibt keine Geister!"

Snjeschka hob die Hände und legte rasch einen Schlafzauber auf den Dottore. Dann schloss die Schamanin die Augen, bat ihren Totemgeist um Hilfe und sprach eine magische Formel der Seelenheilung auf den Lidralier, der nun an seinem Schreibpult schlummerte. Danach legte sie ihm ein Kissen von dem Diwan unter den Kopf, damit er angenehmer ruhen würde, schob sich leise durch die Tür und ging ihrer Wege.


by Adjana on Fr, 08/01/2010 - 19:36
Zitat von 07.01.2010, 21:52 von Triton Schaumherz Beitrag anzeigen
Echt witzig! Und dann das Ende: "Seelenheilung"
Dottore Aquila heißt nicht zufällig Alfredo mit Vornamen?

Herzliche Grüße,
Triton
Wie kommst du nur darauf?

Gruß von Adjana

by Akeem al Harun on Fr, 08/01/2010 - 12:20
Ich würde sagen: typisch Snjeschka.

Wirklich schön.

by Triton Schaumherz on Do, 07/01/2010 - 21:52
Echt witzig! Und dann das Ende: "Seelenheilung"
Dottore Aquila heißt nicht zufällig Alfredo mit Vornamen?

Herzliche Grüße,
Triton

by sayah on Do, 07/01/2010 - 21:45

schön!
es grüsst
Sayah el Atir al Azif ibn Mullah


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