Snjeschkas Welt
Dottore Aquila begrüßte die junge Frau an der Tür. Sie war
offensichtlich ausländisch, in bäurische Kleidung gewandet und ein
wenig ungepflegt. "Snjeschka ist mein Name. Habt Ihr Zeit für mich?"
Der bekannte lidralische Arzt führte sie in den Raum, in dem er mit
seinen Klienten zu sprechen pflegte. Er war spezialisiert auf seelische
Leiden. In einer Ecke stand ein poliertes Schreibpult, dahinter ein
Stuhl, auf dem er sich niederließ. Der Frau wies er einen Platz auf dem
kostbaren scharidischen Diwan zu, der vor dem Pult stand.
"Legt Euch ruhig ganz bequem hin. Das wird Euch helfen, Euch zu entspannen."
Die junge Frau ließ sich zögernd nieder. Man sah deutlich, dass sie
sich auf dem vornehmen Samtstoff nicht besonders wohl fühlte.
"Nun erzählt mir, warum Ihr hierhergekommen seid," eröffnete der Dottore das Gespräch.
"Meine Freunde haben mich hierher geschickt."
"Es ist schön, dass Ihr Freunde habt, die sich um Euch Gedanken machen! Warum denken Eure Freunde, ich könnte Euch helfen?"
"Naja. Sie sagen das zum Beispiel immer, wenn ich mit Bäumen rede."
Dottore Aquila lehnte sich zurück und hob wissend eine Augenbraue.
"Ihr sprecht also mit Bäumen."
"Ja, sicher. Manchmal auch mit Büschen. Natürlich nicht mit allen. Nur mit denen, in denen ein Baumgeist wohnt."
"Ich verstehe. Darf ich fragen, woran Ihr erkennt, ob in einem Baum ein Geist wohnt?"
"Das sieht man doch auf den ersten Blick," antwortete Snjeschka,
offenbar erstaunt, dass jemand so etwas Natürliches nicht erkennen
konnte.
"Ich verstehe", wiederholte der Dottore beruhigend. "Und aus welchem Grund sprecht Ihr mit Bäumen?"
"Das ist ganz unterschiedlich", berichtete Snjeschka lebhaft. "Manchmal
frage ich nur nach dem Weg. Oder wie es ihnen geht, den Bäumen. Oder
wir reden über das Wetter - was man eben so sagt."
"Antworten Euch die Bäume denn auch?"
"Die Bäume selbst nicht so oft - aber die Baumgeister schon. Meistens jedenfalls."
"Ergibt es einen Sinn, was sie Euch sagen?"
Snjeschka zögerte. "Was meint Ihr damit?"
"Nun ja. Klingt es in Euren Ohren klug, was Euch diese Stimmen sagen?"
Snjeschka lachte. "Das kommt darauf an. Es gibt solche und solche Geister. Aber wer sagt schon immer nur kluge Sachen?"
"Dann möchte ich anders fragen," hakte Dottore Aquila nach. "Geben Euch
diese ... Stimmen gute Ratschläge? Müsst Ihr das befolgen, was sie Euch
sagen?"
"Natürlich nicht!" erwiderte Snjeschka empört. "Das sollte so ein Geist
wagen, mir Befehle zu geben! Aber wenn er mir den Weg zeigt oder mich
zum Beispiel vor etwas warnt, dann glaube ich ihm - wenn er vernünftig
klingt. Die meisten Baumgeister sind recht nett, müsst Ihr wissen."
"Das ist sehr interessant. Nun denn," fuhr der Dottore fort, "welche
anderen Vorkommnisse gab es, bei denen sich Eure Freunde Sorgen gemacht
haben?"
"Ich rede auch mit toten Menschen."
"Soso!" Dottore Aquila lehnte sich vor und sah erstmals interessiert aus. "Mit was für Toten?"
"Mit allen, die da sind. Das sind nicht besonders viele. Die meisten
gehen rasch in die Geisterwelt ein - also in ihre jeweilige Totenwelt.
Jedenfalls glaube ich das," meinte sie zögernd.
"Nun sagt mir: Was fühlt Ihr, wenn Ihr vermeint, mit den Toten zu sprechen? Trauer? Angst? Vielleicht gar Wut?"
Snjeschka bewegte sich unsicher auf dem Diwan hin und her. "Hm. Meistens bin ich verlegen."
"Verlegen?" fragte Aquila irritiert.
"Ja. Die Toten fragen mich oft, was sie denn jetzt tun sollen, da sie
doch tot sind. Aber das weiß ich auch nicht. Ich lebe ja noch! Ich sage
dann so etwas wie 'Geh in das Licht' - aber ich habe eigentlich keine
Ahnung, ob da ein Licht ist. Meistens gehen sie dann aber bald in die
Totenwelt ein und sind weg, den Geistern sei Dank!"
"Äh, ja. Hochinteressant. Warum wünscht Ihr euch denn, mit den Toten zu
sprechen? Gibt es einen bestimmten Toten, dem ihr gern noch etwas sagen
würdet?"
Snjeschka überlegte. "Nein, eigentlich nicht."
Für einige Zeit herrschte Stille im Raum. Durch die geschlossenen
Fenster hörte man gedämpft die Straßengeräusche. Dottore Aquila blickte
etwas ungeduldig auf seine Notizen hinab. Dann setze er neu an.
"Ihr sprecht also mit Geistern und mit Toten. Ich kann mir durchaus
vorstellen, dass das Eure Freunde verwirrt. Aber gibt es denn noch mehr
Gründe, warum sie Euch hierher geschickt haben?"
Snjeschka senkte betreten die Augen. Dann schluckte sie und setzte zu einer weiteren Beichte an.
"Meine Freunde sagen, ich rauche zuviel."
"Aha!" Der Dottore rieb sich die Hände, als wäre er endlich zum Kern
der Sache gekommen. "Ihr nehmt also bewusstseinserweiternde Substanzen?"
"Wie bitte?"
"Ich meine: Ihr raucht berauschende Kräuter?"
"Ja, genau! Das ist auch sehr wichtig. Wie sollte ich sonst in die Zukunft sehen?"
"Ihr denkt also, Ihr könnt die Zukunft sehen, wenn Ihr raucht?" fragte Aqulia etwas mitleidig.
"Sicher."
"Habt Ihr das Gefühl, dass Ihr ohne diese Kräuter nicht zurecht kommt?"
"Nein," meinte Snjeschka verständnislos, "ohne die Kräuter weiß ich ja nicht, was passieren wird."
"Habt Ihr Angst vor der Zukunft?"
"Nein, nicht besonders. Naja, manchmal schon. Ihr nicht?"
"Hier geht es nicht um mich. In welchen Situationen greift Ihr zu der Droge?"
"Zum Rauschkraut? Wann immer ich wissen will, was mir die Zukunft bringt. Oder wenn ich die Geister um Hilfe fragen möchte."
"Meint Ihr jetzt die Baumgeister oder die Totengeister?"
"Die Totemgeister natürlich." Snjeschka klang ungeduldig. "Sie sprechen zu mir, wenn ich in Trance bin."
"Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen meinen, Stimmen zu hören,
wenn sie regelmäßig zu Drogen greifen," dozierte Dottore Aquila. "In
diesem Fall geht es darum, Euch die Gewissheit zu vermitteln, dass Ihr
auch ohne Drogen auskommen könnt. Irgendwann werdet Ihr verstehen, dass
die Drogen Euch nicht bei Euren Problemen helfen, sondern dass sie Euer
Problem selbst sind."
Snjeschka hörte stumm zu.
"Auf kurze Sicht vermitteln Euch Eure ... Rauschkräuter, wie Ihr es
nennt, ein Gefühl der Sicherheit, nicht wahr? Und mit diesen Stimmen,
die Ihr hört, habt Ihr das Gefühl, weniger allein zu sein? Sie machen
Euch Angst, aber gleichzeitig hofft Ihr jedes Mal, sie würden Euch
Trost spenden, wenn Ihr selbst nicht mit dem Leben fertig werdet - ist
es nicht so?"
Snjeschka schwieg noch eine Weile. Dottore Aquila wartete pochte
ungeduldig mit dem Federkiel gegen das Tintenfass, aber er wusste, dass
die Erkenntnis vom Klienten selbst kommen musste.
Snjeschka setzte sich auf dem Diwan auf.
"Habt Ihr denn noch nie einen Geist gesehen?" fragte sie fest.
Aquila atmete tief durch. Offenbar musste er sich zu einer ruhigen Stimme zwingen.
"Wie jeder vernünftige, aufgeklärte Lidralier weiß ich, dass es keine
Geister gibt. Und im Grunde Eures Herzens wisst Ihr das auch."
Snjeschka sah ihm fest in die Augen. "Ihr habt Angst vor Geistern."
Aqulia lachte gezwungen.
"Angst? Aber nein. Das wäre eine völlig irrationale Angst. Schließlich
gibt es keine Geister. Freilich, als ich noch ein Kind war ..." Er
lachte noch einmal kurz.
"Was war, als Ihr noch ein Kind ward?" fragte Snjeschka behutsam.
"Ach, das ist lang vergessen. Kinder fürchten sich ja oft vor unwirklichen Sachen, nicht wahr?"
"Unwirkliche Sachen?"
"Ja. Als ich klein war, hieß es, es gäbe in unserem Schulhaus einen
Geist. Völlig lachhaft natürlich! Aber an einem Tag schickte mich der
Lehrer zur Strafe in einen leeren Raum. Prompt gaukelten mir meine
Augen alle möglichen Dinge vor. Raunende Stimmen, klappernde
Fensterläden, ein Stuhl, der umkippte. Lauter Ereignisse, für die es
vollkommen natürliche Erklärungen gibt, wie ich heute weiß. Doch dann
bildete ich mir ein, eine kalte Hand fasste mir an meine Schulter. Ich
rannte weg, so schnell ich konnte, und weiß kaum mehr, was geschah.
Stunden später fanden mich die Lehrer völlig verängstigt in einer Ecke
des Dachbodens ... Da seht ihr, was der Glaube an Geister bei einem
unwissenden Menschenkind ausrichten kann!"
Kleine Schweißperlen waren auf Aquilas Stirn getreten, und die Feder
hatte einige Tintenkleckse auf dem Tisch hinterlassen, weil seine Hand
leicht zitterte.
"Die Berührung mancher Geister kann diesen tiefen Schrecken auslösen," meinte Snjeschka sanft.
"Es gibt keine Geister!" brüllte Aquila. "Ein für alle Mal: Es gibt keine Geister!"
Snjeschka hob die Hände und legte rasch einen Schlafzauber auf den
Dottore. Dann schloss die Schamanin die Augen, bat ihren Totemgeist um
Hilfe und sprach eine magische Formel der Seelenheilung auf den
Lidralier, der nun an seinem Schreibpult schlummerte. Danach legte sie
ihm ein Kissen von dem Diwan unter den Kopf, damit er angenehmer ruhen
würde, schob sich leise durch die Tür und ging ihrer Wege.
Dottore Aquila heißt nicht zufällig Alfredo mit Vornamen?
Herzliche Grüße,
Triton
Gruß von Adjana
Wirklich schön.
Dottore Aquila heißt nicht zufällig Alfredo mit Vornamen?
Herzliche Grüße,
Triton
schön!
es grüsst
Sayah el Atir al Azif ibn Mullah